Der Tod, das Schreiben und das Leben

„Wollen wir wirklich mit Menschen arbeiten, die ein Kind verloren haben oder es wohlmöglich bald verlieren werden?“ fragte meine Teampartnerin Sudi mich unlängst, als eine neue Anfrage im Raum stand. Erst kürzlich hatte sie in ihrem Blogartikel Am Anfang war die Angst beschrieben, wie viel Überwindung es sie zu Beginn unserer Spezialisierung gekostet hat, sich auf die Arbeit mit Todkranken einzulassen.

Mit Menschen zu arbeiten, die ein Kind verloren haben oder im Begriff sind, ein solches Trauma zu erleben, legt gleich mehrere fette Felsbrocken auf den Berg der Urängste. Als Mütter kennen wir sie beide sehr genau, diese nur mühsam zu verdrängende Angst, den Kindern könne etwas zustoßen. Doch gerade, wenn es um unterschwellige Ängste geht, ist Schreiben eine großartige Strategie, um sich ein Stück weit zu wappnen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie unterstützend Schreiben sein kann, wenn einem Worte nicht über die Lippen kommen. Wenn Angst und Verzweiflung vor oder nach dem Tod eines als Angehörigen lähmen.

Flashback.

Meine Großmutter sitzt mit der Mutter meiner Freundin Anja* (* Namen geändert) auf dem Sofa. Die Mutter meiner Freundin trauerte um ihren 13jährigen Sohn, der seine Leukämie nicht überstanden hatte. Kurz zuvor war meine Mutter gestorben. “Ein Kind zu verlieren, ist das Allerschlimmste, was einem im Leben zustoßen kann. Es ist einfach gegen die Natur, vor seinem Kind zu gehen.“ Ich weiß nicht mehr, wer ihn aussprach, diesen Satz. Aber die Verzweiflung und Trauer in den grauen Gesichtern beider Frauen werde ich nie vergessen.

Auch uns Freundinnen haben diese Todesfälle den Boden unter den Füßen weggezogen. Anders als den Müttern. Und doch gibt es für jeden, der durch den Tod einen lieben Menschen verliert, ein Vorher und ein Nachher.

Meine Mutter starb im wahrsten Sinne des  Worte „plötzlich und unerwartet“. Sie war nach einem schweren Verkehrsunfall scheinbar genesen. Doch als sie zum 1. Mal ihr Krankenbett verließ, erlitt sie eine tödliche Lungenembolie. Unfassbar, tags zuvor hatten wir noch lachend auf ihrem Bett gesessen und Pläne geschmiedet. Erschwerend kam hinzu, dass ich mich nicht verabschieden durfte, weil man mir den Anblick meiner toten Mutter ersparen wollte. Gut gemeint, aber völlig falsch. Ich malte mir die insgeheim Geschichten aus, in denen meine Mutter noch lebte und aus unglaublichen Gründen verschwand…. Damals, mit 14, habe ich mich geweigert, mit jemandem darüber zu reden. Ich konnte und wollte es einfach nicht. Alle Gedanken, Ängste, Schuldgefühle und Hoffnungen hielt ich in meinem Tagebuch versteckt. Das hat mich gerettet, weil ich beim Schreiben meinen eigenen Weg gefunden habe, mit dem Unfassbaren umzugehen. Nicht von heute auf morgen, aber auf der Mittelstrecke.

Die Autorin Kathleen Adams nennt das Schreibjournal den „79Cent Therapeuten“. Damit bringt sie zum Ausdruck, das billigste Schreibheft könne Schreibende effektiv durch schwere Zeiten begleiten, wenn er oder sie das richtige Handwerkszeug hat. Das hatte ich als Jugendliche natürlich nicht. Doch inzwischen habe ich durch die Lektüre vieler Bücher zum Tagebuch- und Journalschreiben gelernt, dass Menschen rund um den Globus auf sehr ähnliche Strategien kommen, wenn sie sich aufs Schreiben einlassen. Und das nicht erst, seit Schreibtherapie wissenschaftlich erforscht ist, wie Tristine Rainer, ein Pionier der methodischen Arbeit mit Schreibjournalen ganz richtig bemerkt.  Er wusste lange vor James Pennebaker, wie das Expressive Schreiben wirkt. Aber das ist ein anderes Thema.

Was mir aus den gruseligsten Tagen meiner Teenagerzeit   blieb, ist ein messerscharfes Bewusstsein dafür, dass ein Leben von heute auf morgen vorbei sein kann. Das macht es mir leichter, mich dem Thema zu stellen.

Den Tod ins Leben lassen

Lutz, der Bruder meiner Freundin Anja, ist nach vielen Krankenhausaufenthalten zuhause gestorben. Die Familie hat ihn dort bis zum letzten Augenblick begleitet. Wie unterschiedlich so ein Abschied ausfallen kann, habe ich als Anjas Freundin erlebt. Leichter als der Verlust meiner Mutter war es nicht. Nur anders. Aus heutiger Sicht möchte ich sagen: besser anders.

Hoffen, bangen, Schuldgefühle – ich erinnere mich noch gut an das Wechselbad der Gefühle, dem Anja damals aus gesetzt war. Kinder denken auch darüber nach, ob es vielleicht ausgerechnet das Lieblingskind ist, was gerade stirbt… Anja schrieb und schreibt bis heute ungern, ihr haben Gespräche und Sport geholfen. Und das enge Beisammensein der Familie in dieser schweren Zeit.

Heute arbeitet sie in der Kinderklinik, in der Lutz   damals behandelt wurde.  Dort begleitet sie chronisch kranke Kinder und deren Familien. Die Arbeit ist fordernd und so manche Krankheit endet tödlich. Dennoch liebt sie ihre Arbeit. Der Tod gehört für sie zum Leben, wie auch die kostbaren kleinen Glücksmomente. Sie geht sehr bewusst mit der eigenen Lebenszeit um. Weiß, was ihr wichtig ist und gibt diesen Dingen im Leben den nötigen Raum. Wahrscheinlich gerade, weil sie mit ihrem Bruder den Weg bis zum Ende zurückgelegt hat. Yoga und Tanzen sind heute ihre Kraftquellen.

Meine Kraft schöpfe ich aus dem  Schreiben. Mein Tagebuch hat sich längst zum Schreibjournal entwickelt. Ich nutze darin die Toolbox jener Methoden, die ich im Studium und während diverser Fortbildungen kennengelernt habe. Die Grundtypen – Briefe schreiben und Dialoge führen – hatte ich allerdings schon selbst entdeckt, als meine Großmutter wenige Jahre nach dem Tod meiner Mutter an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte. Denn im Schreibjournal hat die Intuition viel Raum. Scheinbar ergeben sich schreibend nicht nur Gedanken und Einsichten sondern auch manche Methoden ganz von selbst. Vermutlich kommen deshalb so viele Autoren, die sich mit der Schreibwirkungsforschung beschäftigen, zu den gleichen Ergebnissen. Dabei ist es völlig egal, aus welcher Fachrichtung sie starten.

Den letzten Weg gemeinsam zurücklegen

Schreibend entdeckte ich in den letzten sechs Monaten mit meiner Großmutter, wie gut es sein kann, dem Tod gemeinsam ins Auge zu sehen. Dass man Beziehungen klären, etwas von dem zurückgeben kann, was man an Fürsorge erfahren hat. Ich hatte die Chance zu erklären, warum ich nach dem Tod meiner Mutter verstummt war und meine Großmutter mit ihrer Trauer allein gelassen habe. Sie konnte  endlich die verpassten Chancen loslassen, um die sie ein Leben lang getrauert hatte.

Wenn es richtig gut läuft, hat man in der Sterbebegleitung sogar die Chance, „zurückzugeben“ was man an Zuschreibungen nie haben wollte. Dadurch verschwindet unterschwelliger Groll und eine Beziehung kann sich ganz am Ende noch einmal verändern.

Entsprechende Gespräche sind nicht leicht, aber in einem Schreibjournal kann man sie erproben. Die richtigen Worte kommen wie von selbst. Schreiben hilft auch, sich dem Horrortrip aus Verzweiflung, Verlustangst, und Schuldgefühlen zu stellen, der Angehörige überfällt, wenn man einem Sterbenden und auch sich selbst nur noch Erlösung von Leid und Schmerz wünscht.

Wie Anjas Familie habe ich meine Oma zuhause gepflegt. Die Zeit, die wir miteinander verbringen konnten, wurde im Spiegel der bewussten Endlichkeit zu einem kostbaren Geschenk. Wenn man die Chance hat zu entdecken, wie viele schöne Momente der Nähe und Liebe ein bewusster Abschied haben kann, verliert der Tod seinen Schrecken. Wer das erlebt hat, kann sich auch die Frage leichter stellen, wie er oder sie den eigenen Abschied vom Leben gestalten möchte.  Sich aussöhnen mit sich und anderen, den Selbstoptimierungswahn herunterfahren, so wie Ulrike Scheuermann es in ihren Büchern „Innerlich frei“ und „Wenn morgen mein letzter Tag wäre“ beschrieben hat.

Ein Schreibimpuls, der es in sich hat

LeserInnen, die ihre Ängste bewusst überwinden möchten, empfehle ich die 100er -Liste nach Kathleen Adams. Dazu braucht man 20-30 ungestörte Minuten und die Bereitschaft, alle Ängste, die einem in den Sinn kommen, ungeordnet zu notieren. Es müssen keine kompletten Sätze sein, einzelne Wörter oder Abkürzungen reichen. Wiederholungen sind erlaubt, die Notizen dürfen auch sinnlos erscheinen. Einzige Regel: durchnummerieren, damit man weiß, wann Schluss ist. Adams empfiehlt, die Einträge anschließend farbig nach Kategorien markieren – z.B. Beziehungen, Arbeit, Weltgeschehen – und anschließend auszuzählen. Freunde der Statistik werden sofort erkennen, dass man eine prozentuale Verteilung erhält, weil es genau 100 Punkte sind, die auf dem Papier stehen.

Beim Auszählen und Gewichten kann manch eine Überraschung auftreten, die ein tieferes Hinschauen lohnend macht. Denn: Hinter  Ängsten steckt häufig etwas völlig anderes, als man vermutet! Als Team SUDIJUMI mahnen wir allerdings immer zur Vorsicht. Wenn Themen aufbrechen, denen man sich nicht gewachsen fühlt, sollte man sich schnell professionelle Hilfe holen!

Zum Schluss noch schnell zwei Literaturempfehlungen zum Thema Abschied vom Leben:

Susann Pástor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Fred, alleinstehender Vater ohne nennenswerte Sozialkontakte, sein leise pubertierender Sohn Phil und Karla, eine austherapierte Krebspatientin mit bewegter Vergangenheit, sind die wichtigsten Protagonisten dieses wunderbaren Romans. Fred hat eine ehrenamtliche Ausbildung zum Hospitzbegleiter absolviert und Karla ist sein erster Fall. Sie macht es ihm nicht leicht. Phil kommt ins Spiel, als Karla jemanden sucht, der ihre Fotos archiviert. Es entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung zwischen diesen drei Menschen und zwei Nebenfiguren, die ohne Karla niemals zusammengefunden hätten. Ein schönes Buch zum Thema selbstbestimmtes Sterben!

Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe. Die letzten Worte eines Arztes an seine Tochter

Ein junger Arzt erzählt vom Leben und Sterben. Im ersten Teil schreibt er aus der Perspektive eines wissbegierigen jungen Neurochirurgen, der seinen Forschungsdrang mit einem Faible für philosophischen Grundfragen verbindet. Seine rasante Karriere wird jäh ausgebremst, als er durch ein zu spät erkanntes Lungenkarzinom plötzlich selbst zum Patienten wird. Nun wechselt die Perspektive, ersteht auf der anderen Seite. Die Buchveröffentlichung hat er leider nicht mehr erlebt. Dennoch ist es ein Mutmacher-Buch, denn es zeigt, dass man im Leben bis auf die letzte Minute Erfüllung finden kann, wenn man weiß, was einem wirklich wichtig ist.

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Ein Gedanke zu „Der Tod, das Schreiben und das Leben

  1. Unsere Gedanken sind ein Luftschloss
    Es ist nicht das Ich, das denkt, sondern das Ich ist ein Ergebnis unseres Denkens. Wir bauen unermüdlich an unseren Luftschlössern. Und meistens bewohnen wir sie auch noch. Es geht nicht darum, die Luftschlösser loszuwerden, sondern sie zu erkennen. Es gibt kein Ziel zu erreichen, wir sind immer schon da. (Dr. Alexander Poraj)

    [Längere Version]

    Unsere Gedanken sind ein Luftschloss

    Dass Spiritualität nicht als Gegenmittel für Lebenskrisen und das Burnout-Syndrom taugt, sondern vielmehr zu einer heilsamen Enttäuschung führen kann, erläuterte Dr. Alexander Poraj. Der promovierte Theologe und Zen-Meister ist gemeinsam mit Doris Zölls in der spirituellen Leitung am Benediktushof tätig. Burnout und Lebenskrisen sind nicht nur Thema vieler Lehrer-Schüler-Gespräche am Benediktushof, sondern seien ihm auch während seiner Zeit als Geschäftsführer an den Oberbergkliniken für Psychosomatik begegnet. In seinem Vortrag hinterfragte Alexander Poraj weniger die Umstände des Burnout-Syndroms, als vielmehr das Ich, das sich mit der Diagnose Burnout-Syndrom identifiziert: „Wer ist das Ich, das verbrennt?“ Tatsächlich scheinen Öffentlichkeit, Psychologie, Medizin und auch Religionen das Ich als selbstverständlichen Faktor vorauszusetzen, umso eifriger werde an der Lebenskrise und ihrer Überwindung herumgedoktert: „Die Frage ist doch: Wer sind wir wirklich?“ Erst in der unmittelbaren Erfahrung, wie sie Menschen unter anderem auf dem spirituellen Weg erleben, könne der Mensch die Brüchigkeit der eigenen Ich-Struktur erkennen: „Es ist nicht das Ich, das denkt, sondern das Ich ist ein Ergebnis unseres Denkens“, lud Alexander Poraj die Zuhörer zu einem distanzierten Blick auf die eigenen Denk- und Verhaltensmuster ein. Sehr anschaulich verglich der Zen-Meister die Substanzlosigkeit der Selbstbilder mit einem Luftschloss: „Wir bauen unermüdlich an unseren Luftschlössern. Und meistens bewohnen wir sie auch noch.“ Umso bedrohlicher werde es, wenn diese Luftschlösser ins Wanken geraten oder gar einzubrechen drohen, sprich die Realität nicht den eigenen Plänen und Selbstbildern entspricht. Um die Unmittelbarkeit des Lebens – und die Konfrontation mit den Ängsten – zu vermeiden, würden die Luftschlösser selbst unter großen Anstrengungen aufrechterhalten, erweitert und immer neue Varianten gebaut: „Möglichst noch ein bisschen besser und komfortabler als die bisherigen Konstrukte“, setzte Alexander Poraj seinen Vergleich fort. Dieses Verhaltensmuster begleite den Menschen von Kindesalter an: „Als Kinder sind wir von unseren Bezugspersonen abhängig und brauchen Rituale und Geschichten, um Unsicherheiten auszuhalten, uns zu beruhigen und zu überleben“. Die Flucht aus der Realität setze sich im Erwachsenenalter fort. Die Meditation sei eine Einladung, in die Präsenz zu kommen und das Wanken der Luftschlösser ganz bewusst zu riskieren: „Es geht nicht darum, die Luftschlösser loszuwerden, sondern sie zu erkennen.“ Zugleich wies Alexander Poraj auf die Gefahr hin, die Spiritualität zu einem weiteren Luftschloss werden zu lassen und sich damit zu identifizieren. „Es gibt kein Ziel zu erreichen, wir sind immer schon da. Erleuchtung ist nichts anderes als 100prozentige Enttäuschung.“

    (auf einem Symposium 2012)

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