Der Tod, das Schreiben und das Leben

„Wollen wir wirklich mit Menschen arbeiten, die ein Kind verloren haben oder es wohlmöglich bald verlieren werden?“ fragte meine Teampartnerin Sudi mich unlängst, als eine neue Anfrage im Raum stand. Erst kürzlich hatte sie in ihrem Blogartikel Am Anfang war die Angst beschrieben, wie viel Überwindung es sie zu Beginn unserer Spezialisierung gekostet hat, sich auf die Arbeit mit Todkranken einzulassen.

Mit Menschen zu arbeiten, die ein Kind verloren haben oder im Begriff sind, ein solches Trauma zu erleben, legt gleich mehrere fette Felsbrocken auf den Berg der Urängste. Als Mütter kennen wir sie beide sehr genau, diese nur mühsam zu verdrängende Angst, den Kindern könne etwas zustoßen. Doch gerade, wenn es um unterschwellige Ängste geht, ist Schreiben eine großartige Strategie, um sich ein Stück weit zu wappnen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie unterstützend Schreiben sein kann, wenn einem Worte nicht über die Lippen kommen. Wenn Angst und Verzweiflung vor oder nach dem Tod eines als Angehörigen lähmen.

Flashback.

Meine Großmutter sitzt mit der Mutter meiner Freundin Anja* (* Namen geändert) auf dem Sofa. Die Mutter meiner Freundin trauerte um ihren 13jährigen Sohn, der seine Leukämie nicht überstanden hatte. Kurz zuvor war meine Mutter gestorben. “Ein Kind zu verlieren, ist das Allerschlimmste, was einem im Leben zustoßen kann. Es ist einfach gegen die Natur, vor seinem Kind zu gehen.“ Ich weiß nicht mehr, wer ihn aussprach, diesen Satz. Aber die Verzweiflung und Trauer in den grauen Gesichtern beider Frauen werde ich nie vergessen.

Auch uns Freundinnen haben diese Todesfälle den Boden unter den Füßen weggezogen. Anders als den Müttern. Und doch gibt es für jeden, der durch den Tod einen lieben Menschen verliert, ein Vorher und ein Nachher.

Meine Mutter starb im wahrsten Sinne des  Worte „plötzlich und unerwartet“. Sie war nach einem schweren Verkehrsunfall scheinbar genesen. Doch als sie zum 1. Mal ihr Krankenbett verließ, erlitt sie eine tödliche Lungenembolie. Unfassbar, tags zuvor hatten wir noch lachend auf ihrem Bett gesessen und Pläne geschmiedet. Erschwerend kam hinzu, dass ich mich nicht verabschieden durfte, weil man mir den Anblick meiner toten Mutter ersparen wollte. Gut gemeint, aber völlig falsch. Ich malte mir die insgeheim Geschichten aus, in denen meine Mutter noch lebte und aus unglaublichen Gründen verschwand…. Damals, mit 14, habe ich mich geweigert, mit jemandem darüber zu reden. Ich konnte und wollte es einfach nicht. Alle Gedanken, Ängste, Schuldgefühle und Hoffnungen hielt ich in meinem Tagebuch versteckt. Das hat mich gerettet, weil ich beim Schreiben meinen eigenen Weg gefunden habe, mit dem Unfassbaren umzugehen. Nicht von heute auf morgen, aber auf der Mittelstrecke.

Die Autorin Kathleen Adams nennt das Schreibjournal den „79Cent Therapeuten“. Damit bringt sie zum Ausdruck, das billigste Schreibheft könne Schreibende effektiv durch schwere Zeiten begleiten, wenn er oder sie das richtige Handwerkszeug hat. Das hatte ich als Jugendliche natürlich nicht. Doch inzwischen habe ich durch die Lektüre vieler Bücher zum Tagebuch- und Journalschreiben gelernt, dass Menschen rund um den Globus auf sehr ähnliche Strategien kommen, wenn sie sich aufs Schreiben einlassen. Und das nicht erst, seit Schreibtherapie wissenschaftlich erforscht ist, wie Tristine Rainer, ein Pionier der methodischen Arbeit mit Schreibjournalen ganz richtig bemerkt.  Er wusste lange vor James Pennebaker, wie das Expressive Schreiben wirkt. Aber das ist ein anderes Thema.

Was mir aus den gruseligsten Tagen meiner Teenagerzeit   blieb, ist ein messerscharfes Bewusstsein dafür, dass ein Leben von heute auf morgen vorbei sein kann. Das macht es mir leichter, mich dem Thema zu stellen.

Den Tod ins Leben lassen

Lutz, der Bruder meiner Freundin Anja, ist nach vielen Krankenhausaufenthalten zuhause gestorben. Die Familie hat ihn dort bis zum letzten Augenblick begleitet. Wie unterschiedlich so ein Abschied ausfallen kann, habe ich als Anjas Freundin erlebt. Leichter als der Verlust meiner Mutter war es nicht. Nur anders. Aus heutiger Sicht möchte ich sagen: besser anders.

Hoffen, bangen, Schuldgefühle – ich erinnere mich noch gut an das Wechselbad der Gefühle, dem Anja damals aus gesetzt war. Kinder denken auch darüber nach, ob es vielleicht ausgerechnet das Lieblingskind ist, was gerade stirbt… Anja schrieb und schreibt bis heute ungern, ihr haben Gespräche und Sport geholfen. Und das enge Beisammensein der Familie in dieser schweren Zeit.

Heute arbeitet sie in der Kinderklinik, in der Lutz   damals behandelt wurde.  Dort begleitet sie chronisch kranke Kinder und deren Familien. Die Arbeit ist fordernd und so manche Krankheit endet tödlich. Dennoch liebt sie ihre Arbeit. Der Tod gehört für sie zum Leben, wie auch die kostbaren kleinen Glücksmomente. Sie geht sehr bewusst mit der eigenen Lebenszeit um. Weiß, was ihr wichtig ist und gibt diesen Dingen im Leben den nötigen Raum. Wahrscheinlich gerade, weil sie mit ihrem Bruder den Weg bis zum Ende zurückgelegt hat. Yoga und Tanzen sind heute ihre Kraftquellen.

Meine Kraft schöpfe ich aus dem  Schreiben. Mein Tagebuch hat sich längst zum Schreibjournal entwickelt. Ich nutze darin die Toolbox jener Methoden, die ich im Studium und während diverser Fortbildungen kennengelernt habe. Die Grundtypen – Briefe schreiben und Dialoge führen – hatte ich allerdings schon selbst entdeckt, als meine Großmutter wenige Jahre nach dem Tod meiner Mutter an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte. Denn im Schreibjournal hat die Intuition viel Raum. Scheinbar ergeben sich schreibend nicht nur Gedanken und Einsichten sondern auch manche Methoden ganz von selbst. Vermutlich kommen deshalb so viele Autoren, die sich mit der Schreibwirkungsforschung beschäftigen, zu den gleichen Ergebnissen. Dabei ist es völlig egal, aus welcher Fachrichtung sie starten.

Den letzten Weg gemeinsam zurücklegen

Schreibend entdeckte ich in den letzten sechs Monaten mit meiner Großmutter, wie gut es sein kann, dem Tod gemeinsam ins Auge zu sehen. Dass man Beziehungen klären, etwas von dem zurückgeben kann, was man an Fürsorge erfahren hat. Ich hatte die Chance zu erklären, warum ich nach dem Tod meiner Mutter verstummt war und meine Großmutter mit ihrer Trauer allein gelassen habe. Sie konnte  endlich die verpassten Chancen loslassen, um die sie ein Leben lang getrauert hatte.

Wenn es richtig gut läuft, hat man in der Sterbebegleitung sogar die Chance, „zurückzugeben“ was man an Zuschreibungen nie haben wollte. Dadurch verschwindet unterschwelliger Groll und eine Beziehung kann sich ganz am Ende noch einmal verändern.

Entsprechende Gespräche sind nicht leicht, aber in einem Schreibjournal kann man sie erproben. Die richtigen Worte kommen wie von selbst. Schreiben hilft auch, sich dem Horrortrip aus Verzweiflung, Verlustangst, und Schuldgefühlen zu stellen, der Angehörige überfällt, wenn man einem Sterbenden und auch sich selbst nur noch Erlösung von Leid und Schmerz wünscht.

Wie Anjas Familie habe ich meine Oma zuhause gepflegt. Die Zeit, die wir miteinander verbringen konnten, wurde im Spiegel der bewussten Endlichkeit zu einem kostbaren Geschenk. Wenn man die Chance hat zu entdecken, wie viele schöne Momente der Nähe und Liebe ein bewusster Abschied haben kann, verliert der Tod seinen Schrecken. Wer das erlebt hat, kann sich auch die Frage leichter stellen, wie er oder sie den eigenen Abschied vom Leben gestalten möchte.  Sich aussöhnen mit sich und anderen, den Selbstoptimierungswahn herunterfahren, so wie Ulrike Scheuermann es in ihren Büchern „Innerlich frei“ und „Wenn morgen mein letzter Tag wäre“ beschrieben hat.

Ein Schreibimpuls, der es in sich hat

LeserInnen, die ihre Ängste bewusst überwinden möchten, empfehle ich die 100er -Liste nach Kathleen Adams. Dazu braucht man 20-30 ungestörte Minuten und die Bereitschaft, alle Ängste, die einem in den Sinn kommen, ungeordnet zu notieren. Es müssen keine kompletten Sätze sein, einzelne Wörter oder Abkürzungen reichen. Wiederholungen sind erlaubt, die Notizen dürfen auch sinnlos erscheinen. Einzige Regel: durchnummerieren, damit man weiß, wann Schluss ist. Adams empfiehlt, die Einträge anschließend farbig nach Kategorien markieren – z.B. Beziehungen, Arbeit, Weltgeschehen – und anschließend auszuzählen. Freunde der Statistik werden sofort erkennen, dass man eine prozentuale Verteilung erhält, weil es genau 100 Punkte sind, die auf dem Papier stehen.

Beim Auszählen und Gewichten kann manch eine Überraschung auftreten, die ein tieferes Hinschauen lohnend macht. Denn: Hinter  Ängsten steckt häufig etwas völlig anderes, als man vermutet! Als Team SUDIJUMI mahnen wir allerdings immer zur Vorsicht. Wenn Themen aufbrechen, denen man sich nicht gewachsen fühlt, sollte man sich schnell professionelle Hilfe holen!

Zum Schluss noch schnell zwei Literaturempfehlungen zum Thema Abschied vom Leben:

Susann Pástor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Fred, alleinstehender Vater ohne nennenswerte Sozialkontakte, sein leise pubertierender Sohn Phil und Karla, eine austherapierte Krebspatientin mit bewegter Vergangenheit, sind die wichtigsten Protagonisten dieses wunderbaren Romans. Fred hat eine ehrenamtliche Ausbildung zum Hospitzbegleiter absolviert und Karla ist sein erster Fall. Sie macht es ihm nicht leicht. Phil kommt ins Spiel, als Karla jemanden sucht, der ihre Fotos archiviert. Es entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung zwischen diesen drei Menschen und zwei Nebenfiguren, die ohne Karla niemals zusammengefunden hätten. Ein schönes Buch zum Thema selbstbestimmtes Sterben!

Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe. Die letzten Worte eines Arztes an seine Tochter

Ein junger Arzt erzählt vom Leben und Sterben. Im ersten Teil schreibt er aus der Perspektive eines wissbegierigen jungen Neurochirurgen, der seinen Forschungsdrang mit einem Faible für philosophischen Grundfragen verbindet. Seine rasante Karriere wird jäh ausgebremst, als er durch ein zu spät erkanntes Lungenkarzinom plötzlich selbst zum Patienten wird. Nun wechselt die Perspektive, ersteht auf der anderen Seite. Die Buchveröffentlichung hat er leider nicht mehr erlebt. Dennoch ist es ein Mutmacher-Buch, denn es zeigt, dass man im Leben bis auf die letzte Minute Erfüllung finden kann, wenn man weiß, was einem wirklich wichtig ist.

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Die heilsame Kraft des Schreibens

© Jutta Michaud

Der 25. September 2013 begann für Iris B. mit einem Streit in der Morgenstunde. Clara, ihre magersüchtige Tochter, weigerte sich, eine halbe Scheibe Toastbrot zu essen, obwohl ihr Gewicht zum wiederholten Male einen kritischen Stand erreicht hatte. Die üblichen Vorwürfe waren durch die Luft geflogen, schließlich hatte Micha, Iris´ Mann, ihrer Tochter mit der nächsten Krankenhauseinweisung gedroht. Daraufhin war diese Türen schlagend in ihr Zimmer gerannt. Allerdings nicht, ohne ihre Eltern darauf hinzuweisen, dass sie in 14 Tage 18 würde und es dann Schluss sei mit den Zwangseinweisungen.
Zwei Stunden nach dieser beunruhigenden Auseinandersetzung erhielt Micha einen Anruf von seinem wichtigsten Kunden. Er eröffnete ihm, er würde ihn beginnend mit dem nächsten Projekt durch einen anderen Dienstleister ersetzen. Seine Firma sei einfach zu klein. Schließlich brachte die Post eine Steuernachzahlung ins Haus – Micha hatte im vergangenen Jahr gut verdient. Leider waren die Einkünfte des laufenden Jahres weit darunter geblieben, sodass die Nachzahlung sie vor ernsthafte finanzielle Probleme stellen würde. „Schlimmer wird´s nimmer“, hatte Iris in diesem Moment gedacht. Doch leider täuschte sie sich.

Sie hatte fürchterliche Magenschmerzen, als sie am Nachmittag ihrem Hausarzt gegenübersaß. „Mal wieder Stress“, sagte sie schulterzuckend. „Immer diese Angst um Clara und jetzt auch noch…“, sie hatte den Satz nicht vollendet, sondern auf den Schreibtisch geschaut. Dort lagen die Untersuchungsergebnisse der Vorwoche.
Stefan, ihr Arzt und alter Schulfreund, lächelte nicht. Als er ihr ernst in die Augen schaute, ahnte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. „Es hat mich erwischt, nicht wahr?“ fragte sie alarmiert, aber in der Hoffnung auf Entwarnung. Doch der Arzt nickte. „Iris, es tut mir so leid“, sagte er. „Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen. Es ist ein Pankreas-Karzinom.“
Mehr brauchte er nicht zu sagen, Iris wusste nur zu gut, was das bedeutete. Erst vor drei Jahren hatte er ihrer Mutter die gleiche Diagnose gestellt. Damals hatte Iris daneben gesessen und die Hand ihrer Mutter ergriffen. Sechs Monate später war sie gestorben.
Als Iris ihre Diagnose hörte, war sie einfach aufgestanden und steifbeinig auf die Tür zugegangen. Stefan hatte sich ihr in den Weg gestellt und die Arme um ihre Schulter gelegt. „Iris, warte. Wenn ich auch medizinisch nichts tun kann, außer Dir den Schmerz zu nehmen, habe ich hier doch noch etwas, das Dir anders helfen könnte“. Er hatte ihr einen Flyer gereicht, den sie wortlos einsteckte.
Noch heute erinnert sie sich an das dumpfe Gefühl, das sie umschlossen hatte, als sie wieder in ihrem Auto saß. Wie unter einer Glasglocke hatte sie sich gefühlt, abgeschnitten von allem, was Minuten vorher noch zählte. Wie ein Roboter hatte sie den Flyer aus der Tasche gezogen. Mit der Überschrift „Schreib es Dir von der Seele“ wurde für die Teilnahme an Schreibgruppen und Schreibcoachings für Krebskranke geworben.

Ein hilfreicher Impuls
„Heute erscheint es mir völlig irrational, dass ich sofort dort angerufen habe, ohne groß nachzudenken oder meinen Mann oder meine Tochter über die Diagnose informiert zu haben“, erzählt sie heute, sieben Monate später. „Wahrscheinlich haben mir die klaren Worte gefallen. Das Zitat von Ulrike Scheuermann, das ich in diesem Flyer las, ist mir bis heute präsent: „Sobald man den Mut aufbringt, der Angst ins Gesicht zu schauen, erhält der bedrohliche Schatten Konturen und schrumpft zu dem zusammen, was er ist: eine sichtbare Gestalt, der sich gegenübertreten lässt.“
Sie hatte sofort einen Termin mit der Kursleiterin ausgemacht und ein erstes Gespräch geführt. „Eher ein erstes Geheul“, lacht sie heute.

Iris ist schwach, hat 32 Kilo abgenommen, wiegt nun weniger als ihre magersüchtige Tochter. Sie weiß, bald wird die Zeit kommen, wo sie die Nahrung nicht mehr bei sich behalten kann. Dennoch sie ist ruhig, gefasst und nutzt dankbar jede Minute ihres Lebens, in der sie sich kräftig genug fühlt um zu tun, was ihr wichtig ist. Bis dahin war es ein Weg den sie, wie sie es selbst ausdrückt, „im Schweinsgalopp zurückgelegt hat“. Schreibend hat sie inzwischen viele wichtige Lebensthemen bearbeitet: Ihr Verhältnis zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, zu ihren Werten, zur eigenen Person. Sie hat für sich herausgefunden, was von ihr bleibt, wenn sie geht. Ganz gleich, ob das Unausweichliche morgen oder in drei Jahren geschieht.
„Am Ende meines Lebens habe ich mich selbst gefunden“, sagt sie. „Schade dass ich dafür krank werden musste, aber ich bin dankbar, überhaupt an diesen Punkt gekommen zu sein. So viele Menschen erleben das nicht. Meine Mutter hat diese Welt zum Beispiel traurig und verbittert verlassen. Ich hingegen kann in Frieden loslassen. Auch wenn Leben immer die bessere Alternative ist. Aber irgendwann müssen wir alle gehen und ich glaube, es geht leichter, wenn man vorbereitet ist.“

Schreibend das Leben verändern
Iris hat viel gelesen, Tagebuch und Morgenseiten geschrieben, hat sich in einer Schreibgruppe die Unterstützung von anderen Krebskranken geholt. Die Solidarität der Gruppe hat sie ermutigt. Irgendwann ist es ihr sogar gelungen, auch Clara zum Schreiben zu bewegen. Seitdem hat sich auch deren Zustand verbessert. Clara isst regelmäßig kleine Mengen, nimmt kontinuierlich zu, macht endlich wieder Pläne für die Zukunft und verabredet sich ab und zu. In den zurückliegenden beiden Jahren hatte sie sich mehr oder weniger in ihrem Zimmer aufgehalten.
Mutter und Tochter haben eine neue Kommunikationsebene gefunden, die es beiden ermöglicht, ihre Gefühle auszudrücken, füreinander da zu sein, aber auch frei von Schuldgefühlen loslassen zu können. Sogar ihr Mann hat sich auf das Schreiben eingelassen und empfindet es als große Hilfe. Er kann nun nicht nur mit schmerzlichen Situationen in der Familie besser umgehen, sondern auch mit beruflichen Tiefschlägen. „Hätte mir vor wenigen Monaten jemand erzählt, dass nur durch den schriftlichen Dialog mit meinen „inneren Ratgebern“ selbst Lösungen für berufliche Probleme aus dem Nichts auftauchen, hätte ich es nicht geglaubt“ erzählt er.
Dass unser Unbewusstes viele Antworten für uns bereit hält, setzt sich als allgemeine Erkenntnis in der Öffentlichkeit erst langsam durch. Freilich ist es einfacher, wenn man sich bei den ersten Schritten kompetent begleiten lässt. Familie B. hatte das Glück, gleich beim ersten Versuch an eine kompetente Schreibpädagogin mit therapeutischer Zusatzausbildung geraten zu sein, denn unter Umständen können bei der schriftlichen Auseinandersetzung mit schmerzhaften Themen auch Probleme auftreten, die das Schreiben kontraproduktiv machen. Geschulte Schreibtherapeuten erkennen die Warnzeichen. Bei Familie B. genügten wenige Sitzungen unter fachkundiger Anleitung, um allein weitermachen zu können.

Gemeinsames Vermächtnis geplant
So hat Familie B. hat für sich Möglichkeiten gefunden, für sich oder andere solche Gefühle auszudrücken, die anfangs schwer wiegen. Alle Familienmitglieder schreiben private Texte, Briefe, Märchen und Geschichten, in denen auch die Heiterkeit ihren Platz hat.
„Ich habe so ein Glück, dass auch Micha bereit war, sich auf die Schreiberei einzulassen“, sagt Iris. „Wir hatten immer eine gute Ehe, aber durch das Schreiben durften wir die letzten Monate noch einmal viel intensiver erleben.“
Nach Iris Tod sollen einige dieser Texte als gemeinsames Vermächtnis in einem Buch festgehalten werden. Iris bereitet die Auswahl vor, Micha und Clara beschäftigen sich mit Selfpublishing, einer einfachen Möglichkeit, für kleines Geld kleine Buchauflagen zu produzieren. Iris findet den Gedanken schön, an diesem letzten Gemeinschaftsprojekt aktiv beteiligt zu sein.
Damit ist sie in guter Gesellschaft. Viele Krebspatienten finden es tröstlich, ein Buch zu hinterlassen. Christof Schlingensief oder Wolfgang Herrndorf sind die prominentesten Vertreter der aktuellen Patientenliteratur, aber auch völlig Unbekannte entlasten sich, indem sie die Öffentlichkeit an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. So tragen sie dazu bei, eines der letzten Tabus zu brechen.

„Eine zu Unrecht vernachlässigte Heilmethode…“
Eine Familie wie diese, in der sich alle Mitglieder auf die heilende Kraft des Schreibens einlassen, ist sicher noch eine Ausnahme. Aber auf eindrückliche Weise zeigt ihr Beispiel, wie vielfältig die „Gewinne“ sein können, wenn man sich auf das Schreiben einlässt. Leider wissen das noch viel zu wenig Menschen. „Eine zu Unrecht vernachlässigte Hilfe zur Selbsthilfe“ sei das Schreiben, heißt es im Ärzteblatt vom Dezember 2012. Dabei ist die Erkenntnis, was diese überall verfügbare und vergleichsweise kostengünstige Heilmethode leisten kann, gar nicht neu.
Bereits 400 n.Chr. verfasste der Mönch Augustinus seine „Confessiones“ (Bekenntnisse) und legte damit das erst autobiografisch-therapeutische Tagebuch vor. Darin setze er sich selbstanalytisch mit seinen Sünden auseinander.
Als „literarische Geselligkeit“ wurden Schreibspiele in der höfischen Gesellschaft eingesetzt – interessanterweise über verschiedene Kulturkreise hinweg. Denn auch das kann Schreiben: Über das gemeinschaftliche Tun so etwas wie Gemeinsinn und Solidarität herstellen. In unserer Epoche der zunehmenden Individualisierung und Vereinsamung ist auch das ein gewichtiger Aspekt, der dem Auftreten von Depressionen entgegen wirken kann. Doch zurück zur Geschichte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten die Tiefenpsychologen Freud, Adler und Jung mit dem „assoziativen Schreiben“, um Patienten an ihr Unbewusstes heranzuführen. Dazu erhielten sie ein Reizwort, zu dem sie niederschrieben, was ihnen gerade in den Sinn kam. Mit den Inhalten der auf diesem Wege entstandenen Texte wurde dann therapeutisch weitergearbeitet. Diese Form des Schreibens hat eine stark reinigende (kathartische) Wirkung, die viele Symptome lindern hilft, bzw. sie zum Verschwinden bringt. Allerdings ist fachkundige Begleitung bei psychischen Erkrankungen unbedingt erforderlich.
Außerhalb des tiefenpsychologischen Kontextes nutzten viele bekannte Schriftsteller Tagebuchschreiben und Selbstanalyse sowohl als Heilmittel gegen leichte Neurosen, als auch zur Förderung ihrer Kreativität. Dadaisten wie Surrealisten setzten vor allem das ungelenkte, automatische Schreiben zur Förderung der Kreativität ein.
Dennoch blühte das Wissen über die Macht der geschriebenen Worte in Deutschland lange Zeit im Verborgenen. Dabei belegen viele belastbare Studien aus dem In- und Ausland seit Jahrzehnten, dass die schriftliche Auseinandersetzung mit angst- oder tabubesetzten Themen Blockaden löst, die Betroffenen erleichtert und ermutigt, neue Verhaltensweisen oder Problemlösungsstrategien auszuprobieren.

Deutschland: Schreibtherapeutisches Entwicklungsland
Bereits 1986 beschrieben die amerikanischen Psychologen James Pennebaker und Sandra Beall im texanischen Austin, wie man mit ihrer Methode des „Expressiven Schreibens“ posttraumatische Belastungsstörungen lösen kann. Diese Studie wurde mehrfach an verschiedene Themen adaptiert, sodass es heute als sicher gilt, dass nicht nur Traumapatienten, sondern auch Menschen mit ganz unterschiedlichen Anpassungsstörungen vom Schreiben profitieren. Besonders gut wirken Schreibinterventionen bei Menschen, die ihre Gefühle schlecht ausdrücken können und ihrer Umwelt mit einer eher ablehnenden Grundhaltung begegnen (Pennebaker 2010) sowie bei introvertierten Menschen.
Nancy P. Morgan und Kollegen von der Georgetown University in Washington stellte 2008 eine umfangreiche Studie zur positiven Auswirkung des Kreativen Schreibens bei der Behandlung von Krebspatienten vor. Im gleichen Jahr veröffentlichte Julia Wappner eine Studie zur stressvermindernden Wirkung des Bloggens, die dazu führte, dass in einigen amerikanischen Krankenhäusern das Bloggen am Krankenbett angeboten wird.

„Schreiben hilft“ als Forschungsgegenstand
In Deutschland entwickelt sich die heilende Kraft des Schreibens erst seit rund10 Jahren zum Forschungsgegenstand – nicht zuletzt durch Lehre und Forschung im Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin (www.ash-berlin.eu). Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke, beide Mitbegründer des Berliner Studienganges, machen sich bereits den 1980er Jahren stark für schreibtherapeutische Ansätze. Am Fritz Perls Institut in Hückeswagen entwickelte sich zeitgleich der Poesie- und Bibliotherapeutische Ansatz nach Hilarion Petzhold, der Bücher und Gedichte als Schreib- und Erzählanreize nutzt, um Patienten dabei zu unterstützen, eigenen Themen auf die Spur zu kommen.

Jüngere Studien, wie die von Silke Heimes (2009, 2010, 2012) oder Renate Haussmann und Petra Rechenberg-Winter (2013), beschäftigen sich intensiv mit Einsatz- und Evaluationsmethoden in schreib- und kunsttherapeutischen Praxisfeldern, in systemischen Ansätzen (Paartherapie, Familientherapie sowie in der Arbeitswelt – man muss nämlich nicht krank sein, um vom Schreiben zu profitieren!

Entwicklungsprozesse schreibend begleiten
Hieß es früher, „wer schreibt, der bleibt“ darf man heute hinzufügen, „wer schreibt, der wird auch“. Denn Biografisches und Kreatives Schreiben kann in jeder Lebenslage genutzt werden, um Entwicklungsprozesse voranzutreiben, Widerstandskräfte zu stärken, Kohärenz und Resilienz herzustellen: das sichere Bewusstsein dafür, den Wechselspielen des Lebens nicht als Opfer ausgeliefert zu sein, sondern über Ressourcen zu verfügen, die helfen, auch aus schwierigen Situationen etwas Positives machen zu können. Allein dieses Bewusstsein löst hartnäckige Blockaden und setzt Energien frei, die für ein glückliches und zufriedenes Leben voller Schaffenskraft genutzt werden können. Daher ist es sehr bedauerlich, dass die Krankenkassen nach wie vor nicht bereit sind, Schreibinterventionen ebenso wie Yoga oder Entspannungstechniken als Methode der Gesundheitsprophylaxe anzuerkennen.

Mit meiner Teampartnerin Susanne Diehm habe ich Sudijumi entwickelt (www.sudijumi.wordpress.com): Unser Prinzip ist es, unsere Klienten schreibend und auf Wunsch auch mit weiteren Kreativmethoden dabei zu unterstützen, Zugang zu ihrer natürlichen Kreativität zu finden. Daraus entwickelt sich das Vertrauen, auch schwierige Situationen immer wieder zum Positiven wenden zu können. Schreibend entsteht jene positive Energie, die nötig ist, um sich angstfrei mit schwierigen Lebenssituationen, Krankheit und Tod auseinanderzusetzen und Erkenntnis- und/oder Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

Box: Automatisches und Assoziatives Schreiben
Auf den ersten Blick erscheinen diese beiden Methoden sehr ähnlich. Gearbeitet wird mit einer zeitlichen Begrenzung, in beiden Fällen wird der Patient aufgefordert, ohne Nachzudenken und Rücksicht auf Orthografie zu notieren, was ihm in dieser Zeit durch den Kopf geht. Das Zeitlimit zwingt das Gehirn, sich stärker auf das Schreiben zu konzentrieren.
Beim Assoziativen Schreiben wird ein Reizwort vorgegeben, über das der Patient schreibt. Anschließend wird mit dem entstandenen Text weiter gearbeitet, beispielsweise, mit einem Wort, das im Text mehrfach auftaucht.
Beim Automatischen Schreiben folgt die Schreibhand ungefiltert den Gedanken. Dabei öffnet sich das Unbewusste und „spült“ Ideen und Erkenntnisse an die Oberfläche. Im Kreativen Schreiben benutzt man für diese Art des Assoziierens auch den Begriff „Freewriting“.