Mach das, was Du schon immer tun wolltest!

Am Wochenende traf ich auf dem Bahnhof zufällig einen Weggefährten aus meiner Teenagerzeit. Als Jugendliche waren wir begeisterte Wettkampfschwimmer und trafen uns beinahe täglich beim Training.

Nachdem wir zweimal umeinander herumgeschlichen waren, fragten wir fast gleichzeitig „Bist Du…?“ Ein schöner Moment war das, so ein Augenblick, an den ich im Nachhinein dankbar zurückdenke.

Wir hatten wenig Zeit bis der Zug kam und fragten daher nur kurz ab, was wir gerade tun. Sein Satz klingt mir seitdem in den Ohren: „Ich tue das, was ich schon immer machen wollte: Ich bin Regisseur“. Dabei strahlten seine Augen und sein Gesicht leuchtete. Von seinen Erfolgen und Auszeichnungen sprach er nicht, die entdeckte ich erst hinterher auf Google. Diese innere Freude, die krampfige Selbstdarstellung und Angeberei überflüssig macht, wird mir von unserem kurzen Zusammentreffen ebenso in Erinnerung bleiben, wie seine zufriedene Ausstrahlung.

Wie der Zufall es wollte, hatte ich am Wochenende zwei Coachingklientinnen, mit denen es das Leben weniger gut gemeint hatte, wie mit meinem Bekannten oder mit mir. Beide Klientinnen fühlten sich schon als Jugendliche zu kreativen Berufen hingezogen, teilten aber die Erfahrung, von Eltern, Lehrern und Bekannten entmutigt worden zu sein. Die Wunden, die damals durch abwertende Kommentare und Angstmacherei geschlagen wurden, wirken bis heute tief und nachhaltig. Eine der beiden entwickelte eine Depression, die ihr bis heute den Zugang zu ihren Gefühlen verschließt. Ganz langsam und mit professioneller Hilfe tastet sie sich voran. Sie weiß nun, warum sie so viele „vernünftige“ Berufe ausprobieren musste und dabei immer trauriger wurde. Jetzt fasst sie langsam Mut, eigene Bedürfnisse zu erkennen und in ein erfüllteres Leben aufzubrechen.

Die Andere konnte sich zwar besser arrangieren, leidet aber unter einem schmerzhaften Dauermangel an kreativen Ausdrucksmöglichkeiten. In der Lebensmitte angekommen spürt sie ganz deutlich: Ich muss etwas ändern.

Aus dem unerschöpflichen Methodenkoffer des Kreativen Schreibens konnte ich beiden Methoden mit auf den Weg geben, die ihnen helfen können, ihren „ inneren Kompass“ (der Begriff ist bei Julia Cameron entliehen) neu auszurichten. Kleine Schreibroutinen, täglich praktiziert, können jeden Menschen dabei unterstützen, den erforderlichen Mut zu fassen, sich ohne doppeltes Sicherheitsnetz auf etwas Neues einzulassen. Es gibt so viele Möglichkeiten, Kreativität ins Leben zu holen oder Kreativität zu LEBEN! Das Alter spielt dabei keine Rolle: Etwas geht immer, man muss es nur in Angriff nehmen. Das habe ich bei meinem Richtungswechsel selbst erfahren und sehe es immer wieder bei den Menschen, die sich von mir oder meiner Kollegin Susanne Diehm beraten lassen.

Eine kleine Portion Ermutigung, eine ausformulierte Vision und vor allem die Bereitschaft, sich jeden Tag aufs Neue schreibend zu motivieren, reichen aus, um sich in kleinen Schrittchen auf das Ziel zuzugehen. Oft reichen schon 2-3 Coachingeinheiten, um sich anschließend selbst helfen zu können, von Tag zu Tag.

Ich liebe, was ich tue in allen Facetten: schreiben, lehren, beraten. Die Reihenfolge ist mal so, mal anders – aber immer richtig. Jeder Mensch sollte dieses Glücksgefühl erleben. Wie anders wäre die Welt, wenn wir alle von innen strahlen könnten!

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Die heilsame Kraft des Schreibens

© Jutta Michaud

Der 25. September 2013 begann für Iris B. mit einem Streit in der Morgenstunde. Clara, ihre magersüchtige Tochter, weigerte sich, eine halbe Scheibe Toastbrot zu essen, obwohl ihr Gewicht zum wiederholten Male einen kritischen Stand erreicht hatte. Die üblichen Vorwürfe waren durch die Luft geflogen, schließlich hatte Micha, Iris´ Mann, ihrer Tochter mit der nächsten Krankenhauseinweisung gedroht. Daraufhin war diese Türen schlagend in ihr Zimmer gerannt. Allerdings nicht, ohne ihre Eltern darauf hinzuweisen, dass sie in 14 Tage 18 würde und es dann Schluss sei mit den Zwangseinweisungen.
Zwei Stunden nach dieser beunruhigenden Auseinandersetzung erhielt Micha einen Anruf von seinem wichtigsten Kunden. Er eröffnete ihm, er würde ihn beginnend mit dem nächsten Projekt durch einen anderen Dienstleister ersetzen. Seine Firma sei einfach zu klein. Schließlich brachte die Post eine Steuernachzahlung ins Haus – Micha hatte im vergangenen Jahr gut verdient. Leider waren die Einkünfte des laufenden Jahres weit darunter geblieben, sodass die Nachzahlung sie vor ernsthafte finanzielle Probleme stellen würde. „Schlimmer wird´s nimmer“, hatte Iris in diesem Moment gedacht. Doch leider täuschte sie sich.

Sie hatte fürchterliche Magenschmerzen, als sie am Nachmittag ihrem Hausarzt gegenübersaß. „Mal wieder Stress“, sagte sie schulterzuckend. „Immer diese Angst um Clara und jetzt auch noch…“, sie hatte den Satz nicht vollendet, sondern auf den Schreibtisch geschaut. Dort lagen die Untersuchungsergebnisse der Vorwoche.
Stefan, ihr Arzt und alter Schulfreund, lächelte nicht. Als er ihr ernst in die Augen schaute, ahnte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. „Es hat mich erwischt, nicht wahr?“ fragte sie alarmiert, aber in der Hoffnung auf Entwarnung. Doch der Arzt nickte. „Iris, es tut mir so leid“, sagte er. „Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen. Es ist ein Pankreas-Karzinom.“
Mehr brauchte er nicht zu sagen, Iris wusste nur zu gut, was das bedeutete. Erst vor drei Jahren hatte er ihrer Mutter die gleiche Diagnose gestellt. Damals hatte Iris daneben gesessen und die Hand ihrer Mutter ergriffen. Sechs Monate später war sie gestorben.
Als Iris ihre Diagnose hörte, war sie einfach aufgestanden und steifbeinig auf die Tür zugegangen. Stefan hatte sich ihr in den Weg gestellt und die Arme um ihre Schulter gelegt. „Iris, warte. Wenn ich auch medizinisch nichts tun kann, außer Dir den Schmerz zu nehmen, habe ich hier doch noch etwas, das Dir anders helfen könnte“. Er hatte ihr einen Flyer gereicht, den sie wortlos einsteckte.
Noch heute erinnert sie sich an das dumpfe Gefühl, das sie umschlossen hatte, als sie wieder in ihrem Auto saß. Wie unter einer Glasglocke hatte sie sich gefühlt, abgeschnitten von allem, was Minuten vorher noch zählte. Wie ein Roboter hatte sie den Flyer aus der Tasche gezogen. Mit der Überschrift „Schreib es Dir von der Seele“ wurde für die Teilnahme an Schreibgruppen und Schreibcoachings für Krebskranke geworben.

Ein hilfreicher Impuls
„Heute erscheint es mir völlig irrational, dass ich sofort dort angerufen habe, ohne groß nachzudenken oder meinen Mann oder meine Tochter über die Diagnose informiert zu haben“, erzählt sie heute, sieben Monate später. „Wahrscheinlich haben mir die klaren Worte gefallen. Das Zitat von Ulrike Scheuermann, das ich in diesem Flyer las, ist mir bis heute präsent: „Sobald man den Mut aufbringt, der Angst ins Gesicht zu schauen, erhält der bedrohliche Schatten Konturen und schrumpft zu dem zusammen, was er ist: eine sichtbare Gestalt, der sich gegenübertreten lässt.“
Sie hatte sofort einen Termin mit der Kursleiterin ausgemacht und ein erstes Gespräch geführt. „Eher ein erstes Geheul“, lacht sie heute.

Iris ist schwach, hat 32 Kilo abgenommen, wiegt nun weniger als ihre magersüchtige Tochter. Sie weiß, bald wird die Zeit kommen, wo sie die Nahrung nicht mehr bei sich behalten kann. Dennoch sie ist ruhig, gefasst und nutzt dankbar jede Minute ihres Lebens, in der sie sich kräftig genug fühlt um zu tun, was ihr wichtig ist. Bis dahin war es ein Weg den sie, wie sie es selbst ausdrückt, „im Schweinsgalopp zurückgelegt hat“. Schreibend hat sie inzwischen viele wichtige Lebensthemen bearbeitet: Ihr Verhältnis zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, zu ihren Werten, zur eigenen Person. Sie hat für sich herausgefunden, was von ihr bleibt, wenn sie geht. Ganz gleich, ob das Unausweichliche morgen oder in drei Jahren geschieht.
„Am Ende meines Lebens habe ich mich selbst gefunden“, sagt sie. „Schade dass ich dafür krank werden musste, aber ich bin dankbar, überhaupt an diesen Punkt gekommen zu sein. So viele Menschen erleben das nicht. Meine Mutter hat diese Welt zum Beispiel traurig und verbittert verlassen. Ich hingegen kann in Frieden loslassen. Auch wenn Leben immer die bessere Alternative ist. Aber irgendwann müssen wir alle gehen und ich glaube, es geht leichter, wenn man vorbereitet ist.“

Schreibend das Leben verändern
Iris hat viel gelesen, Tagebuch und Morgenseiten geschrieben, hat sich in einer Schreibgruppe die Unterstützung von anderen Krebskranken geholt. Die Solidarität der Gruppe hat sie ermutigt. Irgendwann ist es ihr sogar gelungen, auch Clara zum Schreiben zu bewegen. Seitdem hat sich auch deren Zustand verbessert. Clara isst regelmäßig kleine Mengen, nimmt kontinuierlich zu, macht endlich wieder Pläne für die Zukunft und verabredet sich ab und zu. In den zurückliegenden beiden Jahren hatte sie sich mehr oder weniger in ihrem Zimmer aufgehalten.
Mutter und Tochter haben eine neue Kommunikationsebene gefunden, die es beiden ermöglicht, ihre Gefühle auszudrücken, füreinander da zu sein, aber auch frei von Schuldgefühlen loslassen zu können. Sogar ihr Mann hat sich auf das Schreiben eingelassen und empfindet es als große Hilfe. Er kann nun nicht nur mit schmerzlichen Situationen in der Familie besser umgehen, sondern auch mit beruflichen Tiefschlägen. „Hätte mir vor wenigen Monaten jemand erzählt, dass nur durch den schriftlichen Dialog mit meinen „inneren Ratgebern“ selbst Lösungen für berufliche Probleme aus dem Nichts auftauchen, hätte ich es nicht geglaubt“ erzählt er.
Dass unser Unbewusstes viele Antworten für uns bereit hält, setzt sich als allgemeine Erkenntnis in der Öffentlichkeit erst langsam durch. Freilich ist es einfacher, wenn man sich bei den ersten Schritten kompetent begleiten lässt. Familie B. hatte das Glück, gleich beim ersten Versuch an eine kompetente Schreibpädagogin mit therapeutischer Zusatzausbildung geraten zu sein, denn unter Umständen können bei der schriftlichen Auseinandersetzung mit schmerzhaften Themen auch Probleme auftreten, die das Schreiben kontraproduktiv machen. Geschulte Schreibtherapeuten erkennen die Warnzeichen. Bei Familie B. genügten wenige Sitzungen unter fachkundiger Anleitung, um allein weitermachen zu können.

Gemeinsames Vermächtnis geplant
So hat Familie B. hat für sich Möglichkeiten gefunden, für sich oder andere solche Gefühle auszudrücken, die anfangs schwer wiegen. Alle Familienmitglieder schreiben private Texte, Briefe, Märchen und Geschichten, in denen auch die Heiterkeit ihren Platz hat.
„Ich habe so ein Glück, dass auch Micha bereit war, sich auf die Schreiberei einzulassen“, sagt Iris. „Wir hatten immer eine gute Ehe, aber durch das Schreiben durften wir die letzten Monate noch einmal viel intensiver erleben.“
Nach Iris Tod sollen einige dieser Texte als gemeinsames Vermächtnis in einem Buch festgehalten werden. Iris bereitet die Auswahl vor, Micha und Clara beschäftigen sich mit Selfpublishing, einer einfachen Möglichkeit, für kleines Geld kleine Buchauflagen zu produzieren. Iris findet den Gedanken schön, an diesem letzten Gemeinschaftsprojekt aktiv beteiligt zu sein.
Damit ist sie in guter Gesellschaft. Viele Krebspatienten finden es tröstlich, ein Buch zu hinterlassen. Christof Schlingensief oder Wolfgang Herrndorf sind die prominentesten Vertreter der aktuellen Patientenliteratur, aber auch völlig Unbekannte entlasten sich, indem sie die Öffentlichkeit an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. So tragen sie dazu bei, eines der letzten Tabus zu brechen.

„Eine zu Unrecht vernachlässigte Heilmethode…“
Eine Familie wie diese, in der sich alle Mitglieder auf die heilende Kraft des Schreibens einlassen, ist sicher noch eine Ausnahme. Aber auf eindrückliche Weise zeigt ihr Beispiel, wie vielfältig die „Gewinne“ sein können, wenn man sich auf das Schreiben einlässt. Leider wissen das noch viel zu wenig Menschen. „Eine zu Unrecht vernachlässigte Hilfe zur Selbsthilfe“ sei das Schreiben, heißt es im Ärzteblatt vom Dezember 2012. Dabei ist die Erkenntnis, was diese überall verfügbare und vergleichsweise kostengünstige Heilmethode leisten kann, gar nicht neu.
Bereits 400 n.Chr. verfasste der Mönch Augustinus seine „Confessiones“ (Bekenntnisse) und legte damit das erst autobiografisch-therapeutische Tagebuch vor. Darin setze er sich selbstanalytisch mit seinen Sünden auseinander.
Als „literarische Geselligkeit“ wurden Schreibspiele in der höfischen Gesellschaft eingesetzt – interessanterweise über verschiedene Kulturkreise hinweg. Denn auch das kann Schreiben: Über das gemeinschaftliche Tun so etwas wie Gemeinsinn und Solidarität herstellen. In unserer Epoche der zunehmenden Individualisierung und Vereinsamung ist auch das ein gewichtiger Aspekt, der dem Auftreten von Depressionen entgegen wirken kann. Doch zurück zur Geschichte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten die Tiefenpsychologen Freud, Adler und Jung mit dem „assoziativen Schreiben“, um Patienten an ihr Unbewusstes heranzuführen. Dazu erhielten sie ein Reizwort, zu dem sie niederschrieben, was ihnen gerade in den Sinn kam. Mit den Inhalten der auf diesem Wege entstandenen Texte wurde dann therapeutisch weitergearbeitet. Diese Form des Schreibens hat eine stark reinigende (kathartische) Wirkung, die viele Symptome lindern hilft, bzw. sie zum Verschwinden bringt. Allerdings ist fachkundige Begleitung bei psychischen Erkrankungen unbedingt erforderlich.
Außerhalb des tiefenpsychologischen Kontextes nutzten viele bekannte Schriftsteller Tagebuchschreiben und Selbstanalyse sowohl als Heilmittel gegen leichte Neurosen, als auch zur Förderung ihrer Kreativität. Dadaisten wie Surrealisten setzten vor allem das ungelenkte, automatische Schreiben zur Förderung der Kreativität ein.
Dennoch blühte das Wissen über die Macht der geschriebenen Worte in Deutschland lange Zeit im Verborgenen. Dabei belegen viele belastbare Studien aus dem In- und Ausland seit Jahrzehnten, dass die schriftliche Auseinandersetzung mit angst- oder tabubesetzten Themen Blockaden löst, die Betroffenen erleichtert und ermutigt, neue Verhaltensweisen oder Problemlösungsstrategien auszuprobieren.

Deutschland: Schreibtherapeutisches Entwicklungsland
Bereits 1986 beschrieben die amerikanischen Psychologen James Pennebaker und Sandra Beall im texanischen Austin, wie man mit ihrer Methode des „Expressiven Schreibens“ posttraumatische Belastungsstörungen lösen kann. Diese Studie wurde mehrfach an verschiedene Themen adaptiert, sodass es heute als sicher gilt, dass nicht nur Traumapatienten, sondern auch Menschen mit ganz unterschiedlichen Anpassungsstörungen vom Schreiben profitieren. Besonders gut wirken Schreibinterventionen bei Menschen, die ihre Gefühle schlecht ausdrücken können und ihrer Umwelt mit einer eher ablehnenden Grundhaltung begegnen (Pennebaker 2010) sowie bei introvertierten Menschen.
Nancy P. Morgan und Kollegen von der Georgetown University in Washington stellte 2008 eine umfangreiche Studie zur positiven Auswirkung des Kreativen Schreibens bei der Behandlung von Krebspatienten vor. Im gleichen Jahr veröffentlichte Julia Wappner eine Studie zur stressvermindernden Wirkung des Bloggens, die dazu führte, dass in einigen amerikanischen Krankenhäusern das Bloggen am Krankenbett angeboten wird.

„Schreiben hilft“ als Forschungsgegenstand
In Deutschland entwickelt sich die heilende Kraft des Schreibens erst seit rund10 Jahren zum Forschungsgegenstand – nicht zuletzt durch Lehre und Forschung im Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin (www.ash-berlin.eu). Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke, beide Mitbegründer des Berliner Studienganges, machen sich bereits den 1980er Jahren stark für schreibtherapeutische Ansätze. Am Fritz Perls Institut in Hückeswagen entwickelte sich zeitgleich der Poesie- und Bibliotherapeutische Ansatz nach Hilarion Petzhold, der Bücher und Gedichte als Schreib- und Erzählanreize nutzt, um Patienten dabei zu unterstützen, eigenen Themen auf die Spur zu kommen.

Jüngere Studien, wie die von Silke Heimes (2009, 2010, 2012) oder Renate Haussmann und Petra Rechenberg-Winter (2013), beschäftigen sich intensiv mit Einsatz- und Evaluationsmethoden in schreib- und kunsttherapeutischen Praxisfeldern, in systemischen Ansätzen (Paartherapie, Familientherapie sowie in der Arbeitswelt – man muss nämlich nicht krank sein, um vom Schreiben zu profitieren!

Entwicklungsprozesse schreibend begleiten
Hieß es früher, „wer schreibt, der bleibt“ darf man heute hinzufügen, „wer schreibt, der wird auch“. Denn Biografisches und Kreatives Schreiben kann in jeder Lebenslage genutzt werden, um Entwicklungsprozesse voranzutreiben, Widerstandskräfte zu stärken, Kohärenz und Resilienz herzustellen: das sichere Bewusstsein dafür, den Wechselspielen des Lebens nicht als Opfer ausgeliefert zu sein, sondern über Ressourcen zu verfügen, die helfen, auch aus schwierigen Situationen etwas Positives machen zu können. Allein dieses Bewusstsein löst hartnäckige Blockaden und setzt Energien frei, die für ein glückliches und zufriedenes Leben voller Schaffenskraft genutzt werden können. Daher ist es sehr bedauerlich, dass die Krankenkassen nach wie vor nicht bereit sind, Schreibinterventionen ebenso wie Yoga oder Entspannungstechniken als Methode der Gesundheitsprophylaxe anzuerkennen.

Mit meiner Teampartnerin Susanne Diehm habe ich Sudijumi entwickelt (www.sudijumi.wordpress.com): Unser Prinzip ist es, unsere Klienten schreibend und auf Wunsch auch mit weiteren Kreativmethoden dabei zu unterstützen, Zugang zu ihrer natürlichen Kreativität zu finden. Daraus entwickelt sich das Vertrauen, auch schwierige Situationen immer wieder zum Positiven wenden zu können. Schreibend entsteht jene positive Energie, die nötig ist, um sich angstfrei mit schwierigen Lebenssituationen, Krankheit und Tod auseinanderzusetzen und Erkenntnis- und/oder Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

Box: Automatisches und Assoziatives Schreiben
Auf den ersten Blick erscheinen diese beiden Methoden sehr ähnlich. Gearbeitet wird mit einer zeitlichen Begrenzung, in beiden Fällen wird der Patient aufgefordert, ohne Nachzudenken und Rücksicht auf Orthografie zu notieren, was ihm in dieser Zeit durch den Kopf geht. Das Zeitlimit zwingt das Gehirn, sich stärker auf das Schreiben zu konzentrieren.
Beim Assoziativen Schreiben wird ein Reizwort vorgegeben, über das der Patient schreibt. Anschließend wird mit dem entstandenen Text weiter gearbeitet, beispielsweise, mit einem Wort, das im Text mehrfach auftaucht.
Beim Automatischen Schreiben folgt die Schreibhand ungefiltert den Gedanken. Dabei öffnet sich das Unbewusste und „spült“ Ideen und Erkenntnisse an die Oberfläche. Im Kreativen Schreiben benutzt man für diese Art des Assoziierens auch den Begriff „Freewriting“.

Impressionen vom Wiesergut: Design ist Sein…

…manchmal jedenfalls.

Vorab: Texte wie diese entstehen, wenn ich an einem besonderen Ort morgens die Augen aufschlage, zum Stift greife und einfach drauflos schreibe. Was Sie hier lesen, ist ein „Morgenseiten-Freewriting“, inspiriert durch eine ungewöhnlich konsequente Kombination von Materialien, die mich im wahrsten Sinne des Wortes berührt hat. Entstanden ist der Text im Designhotel Wiesergut in Saalbach-Hinterglemm, wo ich Ende Juli mit meiner Teampartnerin Susanne Diehm zu Gast war. In diesem aus dem 14.Jahrhundert stammenden Gutshaus der Familie Kröll haben wir einen echten Kraftort entdeckt, der optimal zu unseren Kreativ- und Entwicklungsangeboten passt. Josef und Martina Kröll, unsere Gastgeber, haben das Wiesergut mit viel Liebe fürs Detail zu einem Refugium umgestaltet, indem sich Zeit und Raum ganz intensiv erleben lassen.

DeckenbalkenHolzbalken – das Leben

Die Holzbalken über meinem Bett sind wie das Leben: unterschiedlich in Länge, Farbtonalität, Maserung und Struktur – und dennoch eine alles umfassende Einheit. Wie die Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens sammelt. Oder die Menschen, die uns auf unserem Weg begegnen.

Mein Blick fällt auf einen langen, dunklen Balken. Kräftige Rillen laufen von links nach rechts, hellen die Grundfarbe auf und haben hier und da Köpfe, die wie Pfeilspitzen wirken. Nein, eher wie Vogelköpfe. Pfauen könnten es sein oder mutige Greifvögel, die mit großen Augen zuversichtlich aus dem Dunkel schauen, wie die Hoffnung, die uns auch an dunklen Tagen nie verlassen sollte.
Ein kurzer Balken, im frühen Sonnenlicht beinahe orange, ist gemasert wie Wasser, in das ein Stein geworfen wurde. Er zieht seine Kreise. Oder ist es ein See, über dem die Sonne lacht? Aus den Kreisen entsteht ein Körper, der mit bewegten Armen im Wasser steht. Ein Glücksmoment. Ganz sicher ist ein unsichtbarer Kopf über dem Wasser der Sonne zugewandt. Das könnte ich selbst sein, ganz in meinem Element.

Auf den ersten Blick wirkt der nächste Balken fad und eintönig. Grau ist er. Doch auch er hat seine lichten Stellen, Kreise und Einkerbungen. Kindheitsmuster einer Behüteten oder eines Behüteten. Am Ende, wo er in einen ziemlich streng wirkenden Balken übergeht, wachen hell vier Augenpaare. Fast unmerklich von oval zu linear ist er gemasert zu Beginn seines zweiten Drittels. Zwei markante Punkte fallen mir auf. Ist es die Karriere eines Erfolgreichen? Eines, der das Ziel immer klar vor Augen hat? So funktioniert es selten, das Leben. Es könnten auch Einschüsse sein.
Ein wenig länger und in verschiedenen Farben schließt sich der nächste Dachbalken an: Orangebraun, schwarz, braun, gelb, weiß mit Nebeln, Mulden, Kerben. Aber auch die Morgenröte sendet einen Gruß. Der wirkt irgendwie ehrlicher, weil vielschichtiger als sein Vorgänger. Am Ende verschwindet er weißlich-puderig unter der Gardinenstange und sucht das himmlische Licht dahinter. Geht in ihm auf. Ganz sanft.

So könnte im Himmel über meinem Bett eine jede Balkenreihe eine Biografie erzählen. Vom Anbeginn dieses Ortes, dieses Gutshauses aus dem 14. Jahrhundert und seinen Bewohnern bis zum heutigen Morgen. Und hinter den hellen Vorhängen lacht das Sonnenlicht.

Die Wand – Entwicklungssprünge

WandRoher Stein verputzt. Schätze aus der Sandwüste, mit silbernen und goldenen Glitzerflimmern. Flimmerglitzer. Gold- und Silberstaub. Graues Felsgestein, gemasert mit feinweißen Fäden. Dreidimensionale Vorsprünge, Papierflieger in Bewegung, in Stein gemeißelt. Gegensätze lösen sich auf. Aus der Ferne wirken diese Steine wie ein endloser Zug von Urzeittieren: Säbelzahntiger, Mammuts, fliegende Fische, Przywalskipferde auf dem Weg zu einem imaginären Ziel. Über ihnen das Nichts der weißen Wand, das Ungewisse. Unter ihnen stabile Eichendielen mit der Tragkraft von Jahrtausenden. Himmel und Erde in verlässlichem Miteinander. Dazwischen – danach! – kommt erst der Mensch, der gestaltend einwirkt. Homo sapiens denkt am Schreibtisch.

SchreibtischFormt. Malt. Führt zusammen. Nützliches mit Schönem für die Seele. Bändigt das Feuer, lässt es lodern und knistern. Im Wiesergut hat man dem Feuer ein “ Haus aus Stahl“ geschenkt, das fließend wie ein elegantes Hochzeitsgewand wirkt, seiner Statik zum Trotz. Gekleidet wie eine Dame, die keinen weiteren Schmuck benötigt zur Aufwertung ihrer Robe, ist sich das Feuer selbst genug und definiert den Raum.

Foto 2Rings herum, an den riesigen Panoramafenstern, bauschen sich die Rockschöße der Vorhänge. Zofen in grobem Tuch. In ihrer natürlichen Eleganz stehen sie der Feuersbraut um nichts nach, auch wenn ihr Gewand die Farbe arbeitsamer Säcke hat, in denen Generationen von Bauern ihre Ernte schulterten. Vielleicht ist es gerade die arbeitsame Vergangenheit, die ihre Würde ausmacht, Wertschätzung verleiht, im Reigen der edlen Materialien.

Die Badewanne – Luxus und kleines Glück

BadewanneFrei steht sie im Raum, als eigenständige Akteurin, klar und selbstbewusst. Ihre Wölbung schmiegt sich perfekt um meine Schultern, mein Kopf ruht wie an der Spitze einer schützenden Schale. Wie ein längs aufgeschnittenes Ei umhüllt sie mich. So könnte sich ein Küken im Ei fühlen. Doch ich habe das Privileg, durch zwei verglaste Luken über mir in den Himmel schauen zu können.

Luke„Der Mond zieht vorbei, die Sterne ziehen vorbei, die Wolken ziehen vorbei – ist das eine schöne Mupfel“, schwärmte Pinguin Ping aus der „Augsburger Puppenkiste“, wenn er wieder einmal heimlich die Muschel von Waran Wawa besetzt hatte, damals, in der Lieblingssendung meiner Kindertage. „Urmel aus dem Eis“ – wieder ein Stück Frühgeschichte, dass ganz unvermittelt auf das zeitgeistige Design trifft. Doppelter „Frühgeschichtenbezug“: Urmel, ein Eiszeitwesen, beflügelte meine frühkindliche Fantasie.
Heute sind es Materialien mit Geschichte. Sie erinnern mich an Pinguin Ping, der uns Kinder schon damals lehrte, dass es die kleinen Dinge des Lebens sind, die wahres Glück bedeuten: Sonne, Mond, Sterne, Freundschaft und Verlässlichkeit.

Das Schwimmbad – verbunden mit der Natur

Foto 3Hier fühle und begreife ich die Bedeutung des Wortes „Naturverbundenheit“: Aufgelöst in meine Atome dümple ich im lauwarmen Wasser. Die Sonne bricht sich mit sprenkelnden Schattenspielen im metallernen Noppenboden, der meine Füße sanft massiert. Von drei Seiten quillt die Natur hinein ins Bad: Aus dem Graswall geradeaus erhebt sich die Talstation der Zwölferkogelbahn. Rechts neben mir gleiten die Gondeln geräuschlos am Panoramafenster vorbei, erheben sich über die terrassenförmige Hügellandschaft, auf der gefleckte Kühe weiden. Die Betonwand, die das Glas umschließt, ist gemasert wie helles Holz, kein Fremdkörper, eher ein diskreter Bodyguard, der über die Stille dieses Ortes wacht.

Liegestühle_ObstwieseAuf der gegenüberliegenden Seite wandert der Blick weit hinein in den Obstgarten mit üppig behangenen Bäumen und Sträuchern. Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren. Pony und Esel stehen einträchtig beieinander. Alles ist eins. Ich fühle mich eins mit der Welt.

Sanfte Schwünge – die perfekte Welle

WandelgangWarum fällt mir das erst jetzt auf? Böden und Decken sind nicht begradigt, sondern verlaufen in sanften Schwüngen. Einmal aufmerksam geworden, bemerke ich überall Wellen. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen: Hügel sind Wellen in fester Form“! Land und Wasser gehören zusammen. Wasser gab einst den Raum für das Land frei, Wasser ist der Ursprung. Darum lässt sich das Symbol der Welle auf so vielfältige Form an Land finden. Ist es ein Zufall, ausgerechnet an diesem Ort darüber nachzudenken?

HerzbrunnenDenken-Fühlen-Erleben-Einssein – die Krölls nennen es Glück und haben diese Aussage zu ihrem Slogan gemacht. Sudi und ich nennen es „Flow“. Aber im Grunde ist es Eins, wie Wellen und Hügel. Sudijumi

Fictionage „Kunsttherapie – Auf dem Weg zur Erfüllung“ jetzt im Handel

BildMein neuestes Buch ist eine Fictionage. Sie kennen den Begriff nicht? Nicht wundern, meine Kollegin Susanne Diehm und ich haben ihn erfunden. Es ist eine Mischung aus Reportage, klassischer Fiktion und Storytelling. In unserer Edition „Sudijumi“ (sudijumi.wordpress.com) veröffentlichen wir Geschichten, in denen Sachinformationen unterhaltsam verpackt werden. In der Fictionage „Kunsttherapie“ geht es beispielsweise um die Fortbildung zum Kunsttherapeuten, wie sie im Berliner Institut für Entspannungstechniken und Kommunikation (IEK) angeboten wird. Laura und Darius, ein Therapeutenpaar, tauschen sich über erste Gehversuche und Ideen zur Selbstständigkeit aus und lernen sich als Paar darüber noch einmal neu kennen und lieben.
Meine Kollegin Susanne Diehm erzählt in „Schreibttherapie – Auf dem Weg zum Glück“, wie Ihre Protagonistin zum Berufsausstieg entscheidet, die Weichen ihres Lebens noch einmal ganz neu zu stellen.

Als nächstes planen wir eine Kurzgeschichtensammlung, in der unser Kreativseminar BodyMindART (auch dazu mehr auf sudijumi.wordpress.com) eine tragende Rolle spielt.

Neugierig geworden? Hier geht’s zum Buch und zum eBook: epubli

Bunte Herbsttexte im Schreibcafé bei Wenzels Gartenwelt

Begrüßung

In inspirierender Umgebung ganz unterschiedliche Menschen zum Schreiben motivieren – das ist für mich immer wieder eine wunderbare Erfahrung. So auch gestern in Wenzels Schreibcafé.

Gut besucht von völlig ungeübten wie erfahrenen Schreibern war das „Herbstliche Schreibcafé“ in Wenzels Gartenwelt. Eine Mischung, die herausforderte.

Umso größer ist in solchen Momenten die Freude, zu beobachten, wie anfängliche Schreibhemmungen verschwinden, flinke Schreibhände über das Papier eilen, verschlossene Minen sich erhellen. Innerhalb von zwei Stunden öffnen sich Flügeltüren Kreativität, entstehen Texte, die erheitern und berühren. Aus völlig fremden Menschen werden Persönlichkeiten, die sich gegenseitig Einsichten und schöne Formulieren schenken.

Besonders liebe ich die Momente, wenn Unsicherheit und Selbstzweifel von Schreibenden dem Glück weichen, einen besonders schönen Text zu Papier gebracht zu haben. Und das passiert bei solchen Gelegenheiten immer wieder.

Sie haben ein Café oder ein Restaurant und möchten auch einmal (oder regelmäßig) Gastgeber eines Schreibcafés sein? Schreiben Sie mir eine Mail oder rufen Sie mich an, ich freue mich auf Ihre Anfrage.