Die Teekanne, Fatimas Hand und der Mut, Grenzen zu sprengen

Eine Lesung mit Prof. Jalid Sehouli

Meine Kollegin Susanne Diehm hat ihn bei einer seiner letzten Lesungen rein zufällig entdeckt, den Autor und Arzt Jalid Sehouli. Obwohl ich eigentlich ziemlich sicher bin, das sollte so sein – aber das ist eine Geschichte, von der ich ein anderes Mal erzählen werde…

Heute möchte ich von einer anderen Lesung berichten. „Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo“, so der Buchtitel, wurde in der Patientenbibliothek jenes Krankenhauses präsentiert, mit dem der Autor, Professor Sehouli, seit seiner Kindheit auf beinahe märchenhafte Weise verbunden ist. Auch das ist eine Geschichte, die man in seinem Buch nachlesen kann.

Freundliche Bibliothekarinnen schieben Stühle, reichen Getränke, haben liebevoll ein kleines Buffet mit vorweihnachtlichen Naschereien aufgebaut. Sanftes Licht wärmt den Raum. Menschen in Straßenkleidung, medizinisches Personal in weiß und grün, Patientinnen im Bademantel, offensichtlich auf „Kurzurlaub“ von der Station, erwarten den Autor.

Ja, es beginnt ein Kurzurlaub, als der Professor mit seinem blauen Schal hineinweht, wie ein sanfter Wüstenwind. Lächelnd, aufmerksam, sprühend vor Energie. Er scannt sein Publikum, entdeckt bekannte Gesichter, schwirrt herum und schüttelt Hände. Kein abgehobener Autor ist das, auch kein Halbgott in weiß. Spätestens jetzt ist klar: das wird eine besondere Lesung.

Doch erst einmal liest er nicht. Der Autor erzählt.

Man habe ihn davor  gewarnt, das literarische Parkett zu betreten, sagt er. Arzt und Autor, beides ginge gar nicht, er würde zwangsläufig seiner Karriere schaden. Zum Glück habe er sich auf seine Intuition verlassen. Getan, was er tun musste: schreiben.

Seine Einführung berührt mich. Ich frage mich, was hinter den Warnungen gestanden haben mag. Zu oft habe ich selbst schon erlebt, dass andere Menschen sich bemühten, mir einen Platz zuzuweisen, Grenzen aufzuzeigen, die sie definieren wollten. Als Berliner mit marokkanischen Wurzeln, Arbeiterkind aus dem Wedding, hat Jalid Sehouli das garantiert auch mehr als einmal erfahren. Wie gut, dass er mutig genug war, solche Grenzen zu sprengen!

Schreiben erlaubt ganzheitliches Sein

Schreiben hilft, sich aus solchen und ähnlichen Zuschreibungen zu lösen, für sich und seine Ziele einzustehen, auch und gerade wenn andere sie uns nicht zugestehen wollen. Schreiben emanzipiert. Es ermöglicht dem Schreibenden, seine Ganzheitlichkeit zu entdecken, daraus zu schöpfen, Fähigkeiten und Bedürfnisse auszukosten, die im Alltag nicht oder nur unzureichend gelebt werden können. Und daraus entsteht wieder etwas Neues. Wer seine Schreibstimme entdeckt hat, kann auch im wahren Leben lauter „Stopp“ rufen, wenn Übergriffigkeit droht. Und überhaupt: War nicht das Bildungssystem der alten Griechen schon so ausgerichtet, dass zuerst die kreativen, dann die wissenschaftlichen Kräfte gestärkt wurden? Na also!

Als Jalid Sehouli seine Requisiten hervorzaubert, bin ich wieder ganz bei ihm. Die Teekanne seiner Mutter und die Hand der Fatima, ein schützendes Symbol, das Neid und Missgunst abwehren soll, sind immer dabei, wenn er liest. Die silberne Teekanne erinnert mich an orientalische Märchen meiner Kindheit, Aladins Wunderlampe, der kleine Muck. Für den Autor aber ist sie eng verbunden mit der Biografie seiner Mutter, die ihrem politisch verfolgtem Mann Anfang der 1950er Jahre nach Berlin folgte. Ohne die Sprache zu beherrschen und ohne lesen und schreiben zu können, musste sie sich hier ein neues Leben aufbauen. Die Teekanne war ihr Stück Heimat, ihr Halt in der Fremde.

An diesem Abend liest der Sohn eine Passage über den Tod seiner Mutter. Er ist sichtlich bewegt, das Publikum hält den Atem an. Und wenn ich mich nicht völlig täusche, spendet die Teekanne in diesem Moment uns allen Trost. Als Symbol der Liebe, die über den Tod hinaus existiert. In einem Krankenhaus ist das ein besonders schöner Gedanke.

Dem Autor gelingt es, zwischen den Menschen ein existenzielles Gefühl herauf zu beschwören: Verbundenheit. Er zeigt sich verletzlich in diesem Moment, öffnet sich für seine Zuhörer, hat den Mut, in einer Welt voller Dominanzgehabe durch diesen einfachen Akt daran zu erinnern, dass unsere Grundbedürfnisse, die wahren und wichtigen, gleich sind. Später höre ich zufällig, wie eine Patientin sich bei ihm bedankt. Der Arzt Sehouli habe ihr Leben gerettet. Das sei nur möglich gewesen, weil dieses Vertrauen, diese Verbundenheit zwischen ihnen gewesen sei.

Ein weiteres Mal zeigt sich der Autor verletzlich. Er schildert er einen brutalen Überfall, den er vor drei Jahren in diesem Krankenhaus erlitt. Zwei Männer waren in sein Büro gestürmt und hatten ihn mit Baseballschlägern und Tritten schwer misshandelt. Der Überfall wurde niemals aufgeklärt, die Täter nicht erfasst. Im vergangenen Jahr wurde ein Kollege von einem Patienten erschossen. Wie kommt man klar mit einem solchen Trauma?

Jalid Sehouli sagt, er habe geschrieben. Schreibend eine Theorie entwickelt, warum es ausgerechnet ihn getroffen habe. Aber auch schreibend viele schöne Erinnerungen heraufbeschworen. Das habe ihm geholfen, seine Balance wiederzufinden.

Wieder hat er damit ganz intuitiv gehandelt. Und dabei ohne es zu wissen einmal mehr bewiesen, was James Pennebaker und Sandra Beall, in den frühen 1980er Jahren entdeckten. Schreiben über ein traumatisches Ereignis hilft bei dessen Bewältigung und stabilisiert langfristig die Gesundheit. Als „Paradigma des Expressiven Schreibens“ ist diese Entdeckung in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen. Inzwischen ist ebenfalls wissenschaftlich bewiesen, wie sehr das Schreiben über schöne und heitere Momente hilft, neuronale Verknüpfungen auf positiv zu polen und das Immunsystem zu stärken.

So eine Geschichte ist die filmreife Schilderung einer Situation an der innerdeutschen Grenze, mit der Jalid Sehouli zum Abschluss seiner Lesung seine Zuhörer zum Schmunzeln bringt. Familie Sehouli war nach den Sommerferien im Familienkleinbus aus Marokko zurückgekehrt. Auf die obligatorische Frage, was er zu verzollen oder Drogen an Bord habe, antwortete sein Vater, er habe natürlich Drogen dabei. Es folgt eine stundenlange Filzung mit Drogenhunden, die ohne Ende gelitten haben müssen: das Fahrzeug war gespickt mit Fleisch und anderen Köstlichkeiten, die wohlmeinende Verwandte den Sehoulis mit auf den Weg gegeben hatten.

Falls Sie noch ein Weihnachtsgeschenk für eine Leseratte suchen, ist dies ein heißer Tipp:

Jalid Sehouli: Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo, be.bra-verlag,

ISBN 978-3-86124-700-5

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2 Gedanken zu „Die Teekanne, Fatimas Hand und der Mut, Grenzen zu sprengen

  1. Hat dies auf Schreiben beflügelt ! rebloggt und kommentierte:
    Scribo, ergo sum: Ich schreibe, also bin ich. Wer nach einem brutalen, sinnlosen Überfall Stunden später den Stift in die geschundenen Hände nimmt um zu schreiben, hat sich entschieden: Das Leben geht weiter… Diesen und viele andere Aspekte hat meine Teamkollegin Jutta Michaud aufgegriffen in Ihrem Blogbeitrag, der uns wie eine Geschichte aus 1001 Nacht anrührt… Viel Spaß beim Eintauchen – Eure und Ihre Sudi

  2. Pingback: Herzlich Willkommen – Salon Anna Blume

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